Wahrnehmungsprobleme

Bei der täglichen Presseschau ist schon recht viel unbedeutendes dabei. Zum Beispiel die wichtige Nachricht, dass das Kind von Angelina und Brad jetzt bei Madama T. in London im Wachsfigurenkabinett steht. Aber gut, ein bisschen Unterhaltung darf sein, oder?

Jedoch findet man in der Presse auch Selbstreflektion. Bei n-tv.de fiel mir ein Artikel besonders auf. Es geht um eine Studie (Flyer, Download [470 Seiten pdf]) des Sozialwissenschaftlers Hans Peter Peters und Umweltwissenschaftlers Harald Heinrichs, nach der Menschen den Klimawandel als Bedrohung empfinden, aber nicht reagieren. Warum das so ist, steht netterweise auch gleich dort: „Es fehlt das emotionale Moment der Empörung“.

Die Studie beschreibt im Kapitel 4 die Schnittstelle zwischen den Wissenschaftlern und den Journalisten. Besonders Wissenschaftsjournailsten nehmen sich häufiger den globaleren Themen an, währenddessen lokale Themen eher von Journalisten aus Politik- und Wirtschaftsressorts aufgegriffen werden. Vor allem die unterschiedlichen Kontexte (Journalismus und Wissenschaft) der Beteiligten führen zu unterschiedlichen Auffassungen über die Bedeutung des Wissens. Ein Journalist möchte den Wissenschaftler eher politisch aktiv sehen, vielleicht sogar mit deutlichen Handlungsanweisungen. Der Wissenschaftler hingegen sehen im Journalisten den Pädagogen. Der Journalist soll filtern und daraus die notwendigen Nachrichten ableiten. Beide denken also, der andere wird’s schon richten.

Das ist doch erstaunlich oder? Der Wissenschaftler beschliesst für sich, die Fakten zu liefern. Interpretieren wird er diese auch noch, aber die Ableitung von notwendigen Handlungsanweisungen überlässt er anderen. Das wäre an sich kein Problem, wenn die anderen auch genug Einfluss haben. Journalisten sind aber an sich Meinungsneutral und berufen sich auf Fakten. Bei denen entstehen also auch keine Handlungsimpulse. Die entstehen dann erst beim Konsumenten (Leser), falls sie überhaupt entstehen. Weiter unten schreibe ich dazu mehr.

Im Kapitel 5 befasst sich die Studie mit der Bewertung der Berichterstattung durch alle Beteiligten, also auch dem Leser. Folgende vier Schritte führt der Leser mit einer Mitteilung/Nachricht durch.

  1. Bewertung
    Man entscheidet sich, den gebotenen Fakten zu glauben (oder auch nicht) und leitet daraus eine Position (Zustimmung – Widerspruch) zum Artikel ab.
  2. Anwendung von Strategien zur Informationsintegration
    Das Inhalte werden in den eigenen Wissens- und Meinungskontext eingebettet. Falls Konflikte mit Vorhandenem vorliegen, werden weniger deckende Argumente in den Hintergrund gedrängt oder aber Gegenargumente zum Artikel gebildet.
  3. Reflexion auf einer Meta-Ebene
    Der Leser reflektiert über Verständlichkeit, Korrektheit und Ausgewogenheit ausgehend von der Position aus Schritt 2. Falls eine gewisse Zustimmung vorliegt, wird meistens etwas positiver bewertet. Auf jeden Fall (bei den Testlesern der Studie) wird eine medienkritische Position eingenommen.
  4. Konstruktion der persönlichen Relevanz
    Die dargebotenen Inhalte werden zur eigenen Erfahrungswelt in Position gebracht. Das passiert nicht immer, jedoch wird häufig ein Bemühen festgestellt.

Insgesamt wird die Art der Berichterstattung nicht kritisiert, jedoch würde eine Minderheit gerne weitere noch kritischere Artikel lesen wollen.

Man kann also feststellen, dass das Lesen eines Artikels irgendetwas bewirkt. Jedoch muss man den Artikel überhaupt erstmal lesen. Und da kommen wir in der Medienlandschaft von heute an. Die berühmte Frage nach den Inhalten kann man immer und immer wieder stellen. Ist es nun gut, dass es so ein Übermaß an konsumierbaren Medieninhalten gibt? Ist die Qualität der Inhalte immer den eigenen Anforderungen entsprechend? Was ist überhaupt wichtig?

Man kann auf seine Erfahrungen zurückgreifen und kann daraus die notwendigen Schlüsse ziehen. Nur gibt es genau dort ein grosses Problem. Sobald die Erfahrungen fehlen, ist man nicht mehr in der Lage die Lage umfangreich zu beurteilen. Wenn ein Kind nicht mal wirklich sieht, wo die Kuh grast, wo sie gemolken wird, wie frische Milch schmeckt und was dann mit der Milch so alles passiert, dann wird es im weiteren Leben keine kritische Haltung gegenüber diesem Grundnahrungsmittel einnehmen. Besonders dort wo der Kontakt zur Natur fehlt, also wo man sich seines Ernährers und seiner Wurzeln weniger bewusst ist, kann man deutlich feststellen, wie die Akzeptanz gegenüber Fabriknahrungsmitteln (Lebensmittel sind was anderes 😉 ) deutlich steigt.

Ich möchte den Lebensraum Stadt um Gottes Willen nicht verteufeln, hat er doch für Kultur gesorgt. Selbst die alten Ägypter lebten schon in Städten und schufen damit die Voraussetzung ihr Leben geistig reicher zu gestalten. Jedoch war das Leben damals noch übersichtlicher. Die Loslösung vom täglichen Kampf ums Überleben hat auf jeden Fall für geistiges Wachstum gesorgt, jedoch besteht in meinen Augen die ständige Gefahr die beeinflusste Umwelt aus den Augen zu vergessen.

Durch die billigen Transportkapazitäten konnte der Mensch seinen Wirkungshorizont deutlich erweitern. Egal ob es nun die Tomate aus Südspanien, das Kupfer für die Stromleitung aus Chile, das Gensoja für unsere Milchkühe oder der Apfel aus Brasilien ist. Der tägliche Konsum beeinflusst mittlerweile den ganzen Globus. Doch können wir die Folgen noch überblicken? An möglichem Quellmaterial kann es jedenfalls nicht liegen. Wie die Studie und meine Erfahrungen zeigen, haben wir alle Möglichkeiten in der Hand, um uns über die Welt zu informieren. Jedoch ist es ein Unterschied, ob man diese Probleme nur fernsieht oder wirklich erlebt.

Wenn man in einem Land ist, in dessen (staatlichen) Läden es kein Klopapier, keine Zahnbürste, keine Seife, keinen Kugelschreiber zu kaufen gibt, dann sieht das anders aus. Wenn aus den Wasserleitungen nur sporadisch Wasser kommt und der Strom öfters mal ausfällt, dann relativieren sich die heimatlichen Ansprüche ans tägliche Leben dann doch sehr schnell. Dann erlebt man plötzlich, wie es in den Ländern sein könnte, in denen es noch weniger gibt. Weniger Ordnung, weniger Lebensmittel.

Besonders fatal äussert sich die fehlende Wahrnehmung überall dort, wo grosse Zeiträume, längere Distanzen oder gar „Unsichtbarkeiten“ zwischen Ursache und Wirkung liegen. Ich freue mich natürlich dass mein PC unterm Schreibtisch fröhlich dahinsurrt, jedoch wäre es mir lieber, dass die nötige Energie hier in meiner Region erzeugt würde, dazu jedoch ein anderes mal mehr. Aber die Dieselrußwolken aus dem Auspuff eines modernen PKW (ohne Filter) die sieht man hingegen als Fahrer nicht, jedoch als Nichtautofahrer im Strassenverkehr sehr gut.

Bevor ich mich hier noch in irgendwelche Details weiter verzettele bringe ich mal lieber die Sache auf den Punkt. Schon längst beeinflussen wir mit unserm Tun den ganzen Globus. An Informationen darüber mangelt es uns nicht, jedoch an der Fähigkeit, aus negativen Folgen Handlungsanweisungen zu generieren. Selbst die unglückliche Beziehung zwischen Journalist und Wissenschaftler stellt nicht die grösste Hürde dar, Probleme zu erkennen, sondern die Begrenzheit der menschlichen Wahrnehmung. Besonders aus der modernen Neurobiologie ist bekannt, dass man besser lernt, wenn Emotionen im Spiel sind. Vielleicht sollte man die Medien für eine Stunde am Tag gleichschalten und den Zustand unseres Planeten mal ausgiebig dokumentieren? Sollte man nicht nur funkelnde und glänzende Hochglanzthemenparks bauen, sondern ruhig mal da die ungeschminkte rohe Wirklichkeit zeigen? Eventuell hilft es ja den Menschen, wenn sie ihre Problemezonen mal hautnah erleben können. Die Möglichkeiten dazu hätten wir jedenfalls.

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4 Antworten zu Wahrnehmungsprobleme

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