Weglassen von Dingen verzerrt die Wahrnehmung

Eigentlich mag ich das auslandsjournal vom zdf sehr. Aber beim gestrigen Beitrag über die Bauernselbstmorde im Baumwollgürtel (Video) fehlten mir zwei entscheidende Punkte: Die Rolle der westlichen Agrarkonzerne und den Medien dort.

Verbrennung eines Selbstmörders

Klar verzerren die Subventionen den globalen Markt. Das kann man sich auch im Film King Corn anschauen.

Denn eigentlich sind es die Bauern, den es immer irgendwie gut gehen sollte. Schliesslich können die ihr Saatgut prinzipiell selber herstellen. Die Pflanzen bringen alles mit, um sich selber fortzupflanzen. Der Bauer muss „nur noch“ die Samen/Keimlinge fürs nächste Jahr übrigbehalten. Wenn Bauern kein Auskommen mehr haben, ist das System nicht nur faul, sondern oberfaul.

Die Wucherzinsen dort sind nicht das Problem. Eher ein Symptom. Die könnte man verbieten, aber man stellt eben nicht so einfach mal Traditionen im Umgang mit Geld in Indien um.

Geldzählen im Landwirtschaftshandel

Oder man könnte die Bauern ausbilden. Bildung ist ja immer förderlich. Doch mir geht es um die Dinge, die das zdf eben auch hätte sagen können. Guckt euch folgendes Bild genau an:

BT-Baumwoll-Saatgut im westlichen Verpackungsstil

Fällt an den Tüten was auf? Das ist Industrieware. BT-Baumwoll-Saatgut irgendeines Herstellers aus den westlichen Industriestaaten. Die Wikipediaseite zur Baumwolle enthält diesen problematischen Begriff schonmal nicht. Da schreibt sicher die Industrie mit. Zum Glück will uns Monsanto selber über Bt-Baumwolle aufklären.

Wie sah das denn vor 30-20 Jahren aus? Also in der Prä-Gen-Baumwollzeit. Da haben die Inder auch schon gute Baumwolle hergestellt. Und das ohne diese bösen Tütchen da im Bild. Und warum soll das heute nicht mehr gehen? Würden die Inder herkömmliche Baumwolle anpflanzen, würde der Überschuss sinken und sich ein besserer Ertrag erzielen lassen. Das Saatgut könnten sie selber herstellen. Einzig den blöden Baumwollkapselbohrer müsste man in den Griff bekommen. Aber den gab es ja auch nicht immer, oder?

Hier noch ein Bild, vom Saatgut der heutigen Zeit:

Saatgut von Bollgard

Das ist das wahre Übel der Bauern dort. Begreifen werden die Bauern das wahrscheinlich erst, wenn es zu spät ist, da das Bildungsniveau kaum ausreichen wird, um die Werbung der Agrarriesen und die globalen Verzahnungen zu durchschauen. Höhere Erträge klingen immer gut, nur muss man eben immer die Risiken dagegen aufwiegen. Die Risiken werden den Bauern nicht bekannt sein. Wie auch, bei solcher Werbung:

Und da kommt der Agrarindustrie die Medienlandschaft zu Hilfe, als Erfüllungsgehilfe. Fernseher wird es sicher auch in Indien geben und so werden die Bauern vom Werbeetat der Agrarriesen mit Sicherheit geistig überrollt.

Und genau das fehlt mir zdf-Beitrag. Der Reporter hätte ja mal hinterfragen können, warum die Bauern sich für Bollgard entscheiden. Da ist man dann ruck-zuck bei Monsanto, globalen Märkten, der fragmentiereten Textilindustrie, Handlungsdilemmata und gierigen Aktionären sowie naiven Konsumenten aus der westlichen Zivilisation. Alles wäre zu viel für einen auslandsjournal-Beitrag, aber ein Stück mehr wäre gut gewesen.

Ich will dem zdf mal keine Absicht unterstellen. Aber hier und da ein Nebensatz mehr hätten viele Fragen klären können. Denn ohne die Zusammenhänge hinter den Kulissen wirkt dieser Beitrag fast so, als ob das nur ein Subventionsproblem ist. Und genau das ist es nicht. Vielleicht hätte man in der Sendung auch Hinweise auf weiteres Infomaterial geben können?

Damit wäre der Beitrag noch ein wenig mehr ausdifferenzierter gewesen.

Bei google-images findet man übrigens Bilder von Baumwollsamen. Meinem Indienklischee nach, würden diese Samen in natürlichen Behältnissen (Körben) auf den Agrarmärkten gehandelt und nicht die obigen Tüten. Naja, das ist wohl ein Wunschtraum von mir.

Nachtrag: Wie man der URL des Artikels ansehen kann, habe ich im Affekt dem ZDF tatsächlich Gehirnwäsche unterstellen wollen. Dies will ich aber eindeutig zurücknehmen, da ich die Gründe für den, meiner Meinung nach unvollständigen, Inhalt des Beitrages nicht kenne. Die URL ändere ich deshalb nicht.

Nachtrag 2: Vielleicht wird meine Kritik in der Nachbesprechung zur Sendung wahrgenommen. Meine Kritik wurde scheinbar schon beim zdf weitergeleitet. Ich bin mal gespannt.

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1 Antwort zu Weglassen von Dingen verzerrt die Wahrnehmung

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