Das „faire“ Notebook – ein Traum?

Letzte Woche machte die Schlagzeile vom fairen Notebook die Runde. Egal ob bei heise, netzpolitik.org oder ogee.de, in „meinen“ Nachrichten wurde ich ausreichend mit dem „fairen Notebook“ versorgt.

Worum dreht es sich?

Es geht um eine 100 Seiten starke Studie (pdf) des Freiburger Öko-Institutes zu den sozialen Auswirkungen der Notebook-Produktion. Die Autoren versuchen anhand der, fast ausschließlich in Asien ansässigen, Notebook-Industrie das soziale Umfeld der beteiligten Akteure zu untersuchen. Hier ein Zitat die Gewerkschaften betreffend:

6.6.1.2 Vereinigungs- und Gewerkschaftsfreiheit und Recht auf Kollektivverhandlungen

Die ILO-Kernarbeitsnormen Nr. 87 Freedom of Association and Protection of the Right to Organise Convention und Nr. 98 Right to Organise and Collective Bargaining Convention wurden von der VR China bisher nicht ratifiziert. Zudem erlaubt die chinesische Regierung keine Gewerkschaften außerhalb der staatlich kontrollierten All-China Federation of Trade Unions (ACFTU). Gewerkschaftliche Strukturen sind allerdings nicht per se untersagt, sondern in der chinesischen Gesetzgebung sogar ausdrücklich für Unternehmen ab einer Größe von 25 Mitarbeitern vorgesehen (China Labour Bulletin, 2005a). Im Zuge der offiziellen Bemühungen für eine „harmonische Gesellschaft“ soll der Anteil der Arbeitnehmervertretungen in ausländischen Unternehmen demnächst auf 60% erhöht werden (Maass, 2006). Nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass oftmals auch Vertreter des Managements als Betriebsräte eingesetzt werden (UBS, 2005), erweist sich dieses System
in der Praxis aber meist ungeeignet zur Vertretung von Arbeitnehmerinteressen. Gesetzlich verankert ist ebenso das Recht auf Kollektivverhandlungen, das aber in der Realität kaum angewandt wird(Freedom House, 2005). In letzter Zeit kam es wiederholt zu Versuchen von Arbeitnehmern zur Gründung betriebsinterner Gewerkschaftsgruppen. Diese Versuche scheiterten allerdings durchwegs an den Anschlussverhandlungen mit der ACFTU, die Arbeitnehmeraktivisten durch eigene Kader ersetzen wollte (AMRC, 2006). Zudem sind Sprecher alternativer Arbeitnehmerstrukturen oftmals Schikanen, Behinderungen und Entlassungen ausgesetzt (China Labour Bulletin, 2005-1). Auch wurden immer wieder Arbeitnehmeraktivisten inhaftiert (Freedom House, 2005).

Ein weiterer interessanter Auszug der Studie stellt die Verbindung vom Konsumenten bis zum bewaffneten Konflikt her.

6.6.3.9 Wirkung auf bewaffnete Konflikte

Die wirtschaftliche Entwicklung in China hat vielfältige Auswirkungen auf die globale Sicherheitslage. Einerseits führten steigende gegenseitige Abhängigkeiten von Wirtschaftsnationen zu einer faktischen Beruhigung zwischenstaatlicher Konflikte (USA-China, China-Taiwan), andererseits führt die gestiegene Nachfrage auf den Rohstoffmärkten auch zu Konflikten um Ressourcen. Besonders der letzte Punkt ist für die Elektronikindustrie nicht irrelevant: Bereits 2001 wurde die Elektronikindustrie beschuldigt, durch die hohe Nachfrage nach Tantal27 indirekt den Krieg in der Demokratischen Republik Kongo zu finanzieren (siehe u.a. Hayes & Burge, 2003). Zwar hat sich der Markt für das Metall nach 2001 wieder
stabilisiert, die generelle Problematik besteht allerdings fort: In elektronischen Bauteilen kommen verschiedene Metalle zum Einsatz, die zum Teil in politisch überaus instabilen Regionen gefördert werden. Einige diese Rohstoffe – darunter auch Tantal und in einem geringeren Maße Palladium – finden ihre vorwiegende Anwendung im Elektronikbereich, so dass die gesellschaftlichen, politischen und ökologischen Auswirklungen der Förderung mehr oder weniger direkt der Elektronikindustrie zugeordnet werden können.

Alles in allem ist diese Studie ein gelungener Überblick über eine der drei Säulen der Nachhaltigkeit (Ökologie, Ökonomie und Soziales). Vor allem der letzte Abschnitt macht die eigentliche Brisanz deutlich. Wir Konsumenten am Ende der Wertschöpfungskette (zur Entsorgung von Elektronik schrieb ich bereits schon etwas) haben durch unsere Nachfrage irgendwie Einfluss auch auf die schlechte Lage der Bevölkerung in rohstoffreichen Ländern, wie dem Kongo zum Beispiel. Besonders wichtig finde ich die Erkenntnis, dass es unheimlich schwierig ist, alle Wechselwirkungen genügend zu betrachten.

Meine Meinung

In gewisser Weise ist dieses Dokument ein Versuch, unser globales Handeln irgendwie zu erfassen. Es ist deshalb nur ein Versuch, weil den Autoren viele Daten gar nicht zur Verfügung standen. Hier ein weiteres Zitat:

Die im Rahmen des Projektes recherchierbare Datenlage reicht allerdings nicht aus, um eine abschließende Bewertung der sozialen Auswirkungen zu treffen.

Die Autoren des Institutes sind sicher keine Amateure, wohl eher das Gegenteil. Aber selbst sie haben Schwierigkeiten über die Konsequenzen unseres Handeln eine Aussage zu treffen. Das heisst auf gut Deutsch: Wir haben eigentlich keine Ahnung, was wir tun. Ich schreibe deshalb „wir“, weil unser Wirtschaften ja globale Auswirkungen hat. Und dabei geben wir vor, in einer aufgeklärten Wissensgesellschaft zu leben. Vielleicht wäre es besser, „kleinere Brötchen“ zu backen, in deren Kaufpreis alle externen Kosten schon eingerechnet wären?

Die Meinung der anderen Blogger

Laut meiner Suche bei technorati haben ganz genau noch 2 weitere Blogs das Thema aufgegriffen:

Das kann eigentlich nicht sein und laut google gibt es dann auch tatsächlich etwas mehr Blogs  ein Blog, die das das Thema ebenfalls aufgegriffen haben hat:

Tja…liebe Leser. Entweder bin ich nicht in der Lage in der deutschen Blogosphäre zu suchen, oder diese Studie stößt die „Web 2.0“-Generation nicht zum Nachdenken an. Dabei kommt die meiste Hardware doch aus Asien, was scheinbar kein Grund ist, darüber nachzudenken. Vielleicht sind die Weblogs auch nur eine gute Ablenkung von den echten Problemen, die scheinbar noch nicht einmal als Problem erkannt werden.

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