Völlig bekloppte Agrarpolitik

Sorry, diese Überschrift muss wohl sein. Aber in letzter Zeit häufen sich die schlechten Bauernnachrichten.

Zuerst sitzen die Milchbäuerinnen hungernd über eine Woche vorm Kanzleramt, ohne dass die Kanzlerin mal vorbei kommt. Das ist schon beschämend. Und dann sagt die Frau Merkel sinngemäss zwei Dinge:

  • Nötig sei aber auch ein anderes Verbraucherverhalten.
  • Zahlreiche Bauern seien darauf eingestellt, große Mengen zu produzieren, deshalb müssen es eher Exportstützungen geben.

Merkt ihr was? Frau Merkel geht davon aus, dass der Verbraucher aus reinem Wohlwollen zur teureren Milch greift, wahrscheinlich weil er die Milchbauern so gut leiden kann. Nun, das könnte klappen, wenn da die Sache mit der Bildung des Verbrauchers nicht wäre. Welcher Durchschnittsverbraucher kann denn heute bitte abschätzen, was sein Geiz-ist-Geil-Verhalten bewirkt? Was bewirkt es, wenn man die billigste Milch kauft? Vielleicht müsste die Bild mal erklären, warum Müllermilch so böse ist und warum Genossenschaftsmolkereien sich dem Handel so unterwürfig zeigen.

Die Antwort liefert Frau Merkel gleich mit. Großunternehmen können die Kleinen totmachen. Der Bauer verliert Geld beim Bewirtschaften seines Hofes. Das ist völlig Plemplem! Sinngemäß lass ich von einer Milchbäuerin, dass sie sich nicht über den Preis an sich beschwert, sondern dass es solche Preise überhaupt geben kann.

Auf der anderen Seite muss man sagen, dass fast 40% der in D verarbeiteten Milch exportiert werden. Die Bauern leben also auch vom Auslandsgeschäft. Die Frage ist aber, wie und warum kommt deutsche Milch ins Ausland? Antwort: Mit den Discountern und den Fertiglebensmitteln! Fragen wir nochmal: Haben die keine Milch im Ausland? Das hat doch bis jetzt geklappt, oder hat sich z.B. die italienische Bevölkerung verdoppelt, so dass dort die deutschen Lidls gebraucht werden?

Na gut, man hätte die Milchquote viel eher runterdrehen können. Dass hätte das Überangebot verringert, aber wie das mit Kühen in Großbetrieben so ist, da gibt es keine Stellschrauben! Da würde nur die Schlachtbank helfen. Aber welcher Politiker nimmt dem Bauern gern sein Vieh? Da verliert er doch nur Stimmvieh! Also wird am Symptom herumgedocktert:

  • Agrar-Diesel wird billiger,
  • Zinsverbilligungen und
  • Nullzinsen für Kredite die EU-Beihilfen auslösen

soll es geben. Warum macht man das so und dreht nicht am anderen Ende der Schraube? Man könnte doch auch faire Milchpreise durchsetzen! Der Staat ist doch dafür da, eine soziale Marktwirtschaft zu machen. Dann soll er doch mal klare Regeln durchsetzen. Falls der Staat die Kleinbauern erhalten will, dann begrenzt er einfach die Stallgröße oder verbietet Kraftfutter. Oder er fordert extensive Weidewirtschaft, quasi Staats-Bio für alle. Ob da die Milch noch reicht? Vielleicht sollten wir einfach weniger Milch verschwenden? Oder wir nutzen die EU-Osterweiterung und beziehen von dort gleich auch noch Staats-Bio-Milch. In Polen ist doch genug Agrarfläche da und die dortigen Bauern würden sich auch freuen. Das wäre mal ein echter positiver Gegeneffekt für die ganzen EU-Hygiene-Gängeleien dort.

Fazit

Und ich könnte jetzt weiter hin und her schreiben, nur um festzustellen, dass es da noch viel mehr Zusammenhänge gibt. Die wechselwirken auch noch hübsch kreuz und quer. Dieses Abhängigkeitchaos mag kein Mensch mehr zu durchschauen. Deshalb wohl immer nur diese halb-seidenen-Politiklösungen. So wird eben am Bau gepfuscht, bis das Ganze zusammenkracht. Und das nur, weil kein Schwein mehr durchsieht.

Und so entwickelt sich das Agrarsystem dorthin, wo auch schon das Finanzwesen angeeckt ist. Völlig undurchschaubar in gegenseitigen Abhängigkeiten verknotet. Wenns im Finanzwesen kracht, bedruckt man eben neues Papier. Davon gibt es ja genug, weil man es nicht essen kann. Kracht es aber im Agrarbereich, gibts keine Lebensmittel mehr.

PS: An der ganzen Milchpreissache seht ihr auch, welche Nachteile die EU mit sich bringt. Auf der einen Seite verdienen sich Molkereien  und Einzelhandel dumm und dämmlich, auf der anderen Seite gehen die eigenen Bauern vor die Hunde. Klar, man könnte den EU-Markt auch einfach freigeben und die Sache laufen lassen, nur was wäre die Folge? Großbetriebe mit Gen-Soja-gefütterten Kühen die die informationsressistente Verbrauchermasse versorgt und wenige Bio-Spezies, die die LOHAS und LOVOS versorgen.

Nachtrag: Siehe auch „Wenn der Bauer mit dem Traktor

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